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Albtraum der Einheitlichkeit

Heute in Pjöngjang. Nordkorea feiert den 70. Jahrestag seiner Staatsgründung. Das Land war nie etwas anderes als ein diktatorischer Einheitsstaat. Fast niemand, der dort lebt, kennt aus eigener Erfahrung etwas anderes als das eherne Regime der Kim-Dynastie.

 

Die Bilder, die dieser Staat über sich verbreitet, sind bis ins Letzte orchestriert. Augenscheinlich zeigt er sich am liebsten so: in Paraden, Aufmärschen und gigantischen „Spielen“. Es ist der Traum aller autoritären und erst recht der diktatorischen Regierungen, ihr Volk als Einheit zu inszenieren. Dem aussenstehenden Betrachter mag solches zwar als Albtraum von Einheitlichkeit und Ausmerzung aller Individualität ins Auge stechen. Von Beteiligten solch militärisch choreographierter Kundgebungen hingegen ist bekannt, dass die Einordnung in riesige Massen durchaus auch lustvoll erlebt wird. Denn mit dem Verzicht auf alles Persönliche erkauft sich das folgsame, rückhaltlos disziplinierte Wesen ein Aufgehen im Kollektiv. Wer im Takt marschiert, hat teil an der inszenierten Grösse und Macht und wächst so über sich hinaus. Es herrscht – zumindest in solchen Momenten – eine Komplizenschaft, eine Symbiose zwischen Herrschenden und Beherrschten.

 

Wäre es nur Zwang, der die hier Paradierenden synchronisiert, wäre dieser Grad an Übereinstimmung nicht möglich. Die marschierenden Frauen wollen perfekt sein, sie geben alles für diese Show. Freiwillig würden sie das vermutlich nicht machen, aber so etwas wie Freiwilligkeit kommt in ihrem nordkoreanischen Leben ohnehin nicht vor.

 

Das von Associated Press verbreitete News-Bild verrät viel über diese Kultur der Einheitlichkeit. So sind die jungen Soldatinnen nicht nur in ihren Bewegungen gleichgeschaltet, sondern auch gleich gross und von gleicher Statur. Selbst ihre Frisuren sind identisch, die zur Schau gestellten Mienen ebenso.

 

Nordkorea Ausschnitt 1.jpg

 

Die kleinen Unregelmässigkeiten in der Reihung der Köpfe sind nur deshalb wahrnehmbar, weil der AP-Fotograf Kim Cheung ein starkes Teleobjektiv verwendet hat, das alle Abweichungen von der Fluchtlinie überbetont. Das Detail aus dem Foto unterstreicht das Ausmass der Auslieferung des Individuums ans Kollektiv, welches hier zelebriert wird.

 

Ein zweiter Bildausschnitt verdeutlicht, wie rigoros bei diesem Aufmarsch die Norm der Einheitlichkeit durchgesetzt ist. Neben den im Stechschritt marschierenden Frauen steht eine Reihe von dunkel, vermutlich zivil gekleideten Männern Spalier. Man erkennt sie in Durchblicken hinter der ersten und zweiten Reihe der Marschformation.

 

Nordkorea Ausschnitt 2.jpg

 

In der vorderen der beiden Lücken ist der links stehende Mann fast einen Kopf grösser als derjenige rechts. Der Grössenunterschied wird jedoch nivelliert durch die roten Blumen- oder Federbüsche, welche sie in die Höhe halten. Die hier aufgereihten Männer sind darauf eingestellt, unabhängig von ihrer Körpergrösse mit ihren Büschen eine exakt waagrechte Linie zu bilden.

 

Das Bild offenbart das Selbstverständnis des nordkoreanischen Regimes. Es versteht Einheit tatsächlich im Sinne von Einheitlichkeit: Idealerweise sind die Bürgerinnen und Bürger in Bezug auf ihren Beitrag zum Volksganzen tatsächlich identisch. Lassen sich die Einzelnen hingegen nicht zur Gänze in ein vorgegebenes Schema zwingen, so müssen sie eben mittels entsprechender Anpassungen für das einheitliche Bild sorgen.

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