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Zurück zu Brechts epischem Theater?

«Unrueh» ist zurzeit in den Kinos und findet sein Publikum. Der Film über eine frühe Gewerkschaftsbewegung in der Uhrenindustrie vermag trotz schöner Leinwandmomente nicht recht zu überzeugen.

Cyrill Schäublins vielgelobter und reihum ausgezeichneter Spielfilm «Unrueh» (Schweiz 2022) ist ein sperriges Kinostück, dessen Qualitäten erst erkennbar werden, wenn historisches Vorwissen und filmästhetische Reflexion ins Spiel kommen. Ein typischer Festivalfilm also, wie gemacht für Kritikerinnen und Kritiker, die mit kinematographischer Kompetenz brillieren.

Um an die Qualitäten von «Unrueh» heranzukommen, ist es insbesondere von Vorteil, vorweg zu wissen, dass in den 1870er-Jahren unter der Arbeiterschaft der jurassischen Uhrenindustrie eine anarchistische Gewerkschaftsbewegung entstand, die 1872 sogar den ersten internationalen Anarchistenkongress ausrichtete. Gegen das straffe Top-Down des Marx-Engels-Kommunismus strebte dieser antiautoritäre Sozialismus eine dezentrale Basisbewegung an. Ihr Feind war nicht nur das Kapital, sondern mindestens ebenso sehr der Staat. 

Das wäre zweifellos ein fulminanter Dramenstoff: die Industrialisierung mit ihren globalen Handelsnetzen, das Hereinbrechen eines neuen Zeitalters in den ländlichen Jura mit Fabriken, Telegraphen und Eisenbahnen, und schliesslich der Anarchismus in der verschlafenen Provinz, der die Arbeiterschaft ihrerseits in internationalen Dimensionen denken und träumen lehrt.

 

Doch Schäublin hat kein Drama im Sinn. Er baut statische Historienbilder auf, die das anarchistische Movens weniger erzählend vorführen als vielmehr in eine adäquate Kinosprache fassen sollen. Deshalb der «dezentrale» Bildaufbau, in dem das Geschehen am Rand oder gar ausserhalb der Cadrage stattfindet, deshalb der Verzicht auf eine zentrale Identifikationsfigur, deshalb das Filmen mit Laiendarstellern, und deshalb wohl auch die immer wieder abgebremste und gebrochene Erzähldynamik.

Die Unruh, Herzstück jeder mechanischen Uhr, leiht dem Film in dialektaler Schreibung den doppelsinnigen Titel und die leitende Metapher. Aber ist es denn niemandem aufgefallen, dass diese Symbolik nicht stimmt? Die anarchistische Bewegung mit ihrer alle staatliche Ordnung verwerfenden Philosophie war sicherlich der radikalste Unruheherd des 19. Jahrhunderts. Diesen Anarchismus in der mechanischen Unruh symbolisieren zu wollen, ist denkbar unglücklich, denn dieses zentrale Bauteil regelt mit Hemmung und Schwingung die Energieabgabe der Spiralfeder zum exakt konstanten Antrieb des Uhrwerks – eine Funktion, die anarchistischen Idealen diametral entgegensteht.

Es ist dies nicht die einzige Unstimmigkeit. Das visuelle Cachet des Films hat mit der Hervorhebung der historischen Kostüme und Ausstattungen und vor allem mit dem milden Licht und der durchgehenden Chamois-Farbtönung die Kulinarik einer gepflegten TV-Doku, die der aufrührerischen Thematik keinesfalls entspricht. Eigenartig, dass die Kritikergilde, die sich von formalen Finessen wie der dezentralen Cadrage begeistern liess, dem Film diese konventionellen Marker betulichen Erzählens nicht ankreidete.

Die Unruhe im Film bleibt denn auch theoretisch. Von Aufruhr ist nichts zu sehen. Zwischen der Arbeiterin Josephine Gräbli, welche in der Uhrenfabrik die Unruhen montiert, und dem als Kartograph im Jura weilenden Anarchisten Pyotr Kropotkin kommt es zu keinem funkenschlagenden Zusammentreffen. Kropotkin ist ein höflicher Langweiler, Josephine eine beflissene Subalterne. 

Zur Rebellion gibt es auch gar nicht grosse Gründe. Der Fabrikherr rationalisiert zwar seinen Betrieb nach neuesten amerikanischen Methoden, aber das geht eher gemächlich und ohne unmenschliche Pressionen ab. Die zwei gemütlichen Dorfpolizisten kommen ohne Grobheiten aus. Dass sie Leute am Passieren hindern, weil im Dorf für einen neuen Fabrikprospekt fotografiert wird, ist höchstens eine mindere Schikane. Bürgerinnen und Bürger, die ihre Steuern nicht bezahlt haben, werden aus der Beiz verwiesen und dürfen nicht wählen. Eine verarmte Uhrenarbeiterin muss wegen ihrer Steuerausstände gar für zehn Tage ins Gefängnis, darf aber ihr Werkzeug mitnehmen, damit sie in der Zeit doch etwas verdienen kann. – Es gab zu jener Zeit und an diesem Ort gewiss Schlimmeres.

 

Offenbar hat «Unrueh» gerade mit seiner Art des Erzählens bei Film-Insidern gepunktet. Geschildert wird in mehreren Sequenzen die Rationalisierung der Arbeitsabläufe in der Uhrenfabrik. In Andeutungen hört man von einer Krise des Weltmarkts. Es muss günstiger produziert werden. Die Stoppuhr übernimmt die Hauptrolle bei der Reorganisation. Auch ausserhalb der Fabrikmauern hält das kapitalistische Zeitregime Einzug: Die voneinander abweichenden Uhrzeiten von Amt, Fabrik und Eisenbahn werden vereinheitlicht, damit die Maschinerie des Industriezeitalters ungehindert läuft. Massenbestellungen für Militäruhren treffen aus aller Welt ein, unterschieden in Offiziers- und Soldatenuhren. Und weil in St. Imier gerade der Telegraph ausgefallen ist, wird zur Übermittlung der Auftragsbestätigungen sofort jemand in den Nachbarort geschickt. Der Affront des militärischen Zwecks für die anarchistischen Arbeiterinnen wird nicht eigens expliziert; das Publikum muss informiert genug sein, ihn zu verstehen.

Der Gewissenskonflikt pazifistisch denkender Arbeiterinnen bei einem Produktionsauftrag für diverse ausländische Armeen ist eine der zahlreichen dramaturgischen Steilvorlagen, die Schäublin übergeht. So bleiben denn alle Figuren blass und irgendwie schlafwandlerisch. Narrativer Drive wird offenkundig bewusst vermieden. Sind wir als Zuschauer von «Unrueh» in einem Experiment der Wiederbelebung des epischen Theaters? Dienen wir als Probanden eines Tests von Brechts Verfremdungseffekt? Geht es diesem Film gar nicht ums Erzählen, sondern ums Anzeigen von Sachverhalten, aus denen das Publikum die vorbestimmten politischen Schlüsse ziehen soll?

Nicht ohne Grund ist es um Brechts episches Theater still geworden. Seine Bühnentheorie ist der Versuch, die Gattung des Dramas gegen den Strich zu bürsten: Reflexion statt Identifikation, Erkenntnis statt Katharsis. Das epische Theater hat so lange funktioniert, wie es auf den Widerstand vorgeformter Erwartungen stiess. Auf welche festgelegten Rezeptionsmuster könnte heute ein Arthouse-Film treffen? Mit der Unterstützung einer widerständigen Reibung an Erwartungen und Konventionen kann ein aktuelles Kinostück kaum rechnen. Es muss seine kinematographischen Regeln, seine erzählerische Logik aus sich selbst entwickeln und sie für das Publikum im Ablauf der Vorführung lesbar machen.

An solcher Lesbarkeit mangelt es Cyrill Schäublins neuem Werk. Zum Spielfilm fehlen ihm das übers Episodische hinaus verbindende Erzählgerüst und die Identifikationsangebote. Ein politischer Film ist «Unrueh» mangels diskursiver Prägnanz ebenfalls nicht. Und als Dokudrama fällt das Stück durch, weil es seine Thematik weder klar situiert noch in ihrer historischen Relevanz glaubhaft macht.

Dass der Film schöne Momente hat, etwa in Fabrikszenen und bei genauen Blicken auf die Feinarbeit beim handwerklichen Herstellen von Uhren, das reicht nicht, um von einem bedeutenden Filmereignis reden zu können. 

Fotos: Filmstills © Filmcoopi

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