Rashid Johnson: Untitled Anxious Men, 2015; Ceramic tile, black soap, and wax, 119.4 x 87.6 x 5.1 cm; Collection of Schuyler and Jonathan Levin; Ausstellungsansicht (Bild: UM)
Das Solomon R. Guggenheim Museum in New York zeigt eine grosse Werkschau des 48jährigen schwarzen Amerikaners Rashid Johnson. Es ist vorherzusehen, dass dieser Künstler auch hierzulande Furore machen wird.
Das Guggenheim gibt Rashid Johnson die grosse Rotunde mit der spiralförmig ansteigenden Galerie, diesen Geniestreich Frank Lloyd Wrights, zum Bespielen mit einer repräsentativen Kollektion von Arbeiten aus den vergangenen dreissig Jahren. Im sechs Stockwerke hohen Lichtraum im Innern der Spirale unter der gläsernen Kuppel schweben Palmen, Bananenstauden und anderes exotisches Grünzeug. Hohe Regale voller Pflanzen, deren Töpfe ebenfalls Werke Johnsons sind, machen die oberste Etage zu einem Gewächshaus – und greifen damit eine Idee für das Gebäude auf, die Frank Lloyd Wright seinerzeit nicht hatte durchsetzen können.
Johnson arbeitet mit allen Medien der Kunst. Nebst (pflanzlichen) Installationen setzt er Fotografie und Film ein, baut aus Objets trouvés meist in mattem Schwarz gehaltene, oft absurd anmutende Skulpturen. Auch dem Happening verschliesst er sich nicht, wenn er sich auf einen Denkmalsockel legt und wie eine makaber deponierte Leiche fotografieren lässt. Die Todesthematik scheint an manchen Stellen seines Œuvres auch verbal auf, andeutungsweise in den auf einen Spiegel gepinselten Worten «FLY AWAY» und unverblümt im goldfarben auf weisses Papier gesprayten «DEATH».
Primär aber ist Rashid Johnson ein Maler. Er arbeitet «konventionell» in Öl auf Leinwand und experimentiert mit Keramik-Unterlagen, die aus herkömmlichen weissen Küchenfliesen zusammengefügt sind. Er nutzt sie für zentimeterdick aufgetragene Malereien aus schwarzer Seife und Wachs. Dieses letztere Material evoziert natürlich den Namen Joseph Beuys, vor allem, da auch Shea-Butter (Beuys’ Fett-Ecke!) mehrfach Verwendung findet. Zudem kommt der Beuys’sche Schlitten vor – allerdings ist er längs entzweigesägt.
Johnsons Malereien kreisen immer wieder um ein ikonisches Elementarzeichen: das von Angst verzerrte Gesicht eines Menschen. Aus wildem, fahrigem Gekritzel bilden sich andeutungsweise die von Entsetzen geweiteten Augen, der zum Schrei aufgerissene Mund. Nicht nur weil das Emblem oft monochrom schwarz ausgeführt ist (siehe Titelbild), sieht man in ihm spontan einen Schwarzen. Es ist einfach zu deutlich, dass es Johnson hier um die Befindlichkeit von African Americans geht. Die Multiplikation des Zeichens und die serielle Darstellung in rasterförmiger Anordnung weisen darauf hin, dass nicht Einzelnes, sondern Strukturelles das Thema ist. Das schreiende Gesicht ist eine Anklage gegen Rassismus.
Rashid Johnson: Triptych «Nowhere Man», 2020–2024; Oil on linen, 121.9 x 91.4 x 4.3 cm, each; Collection of the artist
Der Maler Rashid Johnson erinnert in Bildsprache und Malduktus an den wunderbaren Basquiat, der im rauen New York der Achtzigerjahre in einer vulkanischen Eruption das Werk seines kurzen, sprühenden Lebens aus sich herausschleuderte. Anders als der ungestüme Basquiat ist Johnson allerdings kunsthistorisch solide gebildet. Er spielt mit Referenzen und Andeutungen. Seine aktuelle Ausstellung steht unter dem Titel «A Poem For Deep Thinkers». Die Zeile zitiert ein Gedicht des Lyrikers Amiri Baraka (urspr. LeRoy Jones) und legt aufmerksamen Besuchern eine Fährte zur Komplexität der Bezüge, in denen Johnson seine Arbeiten verortet.
So verlockend es ist, in Johnson einen Nachfahren Basquiats zu sehen, so erweist sich der Vergleich mit Beuys vielleicht doch als ergiebiger. Stefan Trinks hat seine instruktive Besprechung in der FAZ zielsicher betitelt mit «Der schwarze Beuys». Ausserdem prognostiziert er Johnsons Teilnahme an der nächsten Documenta. Das wäre dann immerhin auch wieder eine Parallele zu Basquiat: Dieser steig 1982 ebenfalls in den Kunst-Olymp auf, allerdings schon mit 21 Jahren als der jüngste Documenta-Künstler aller Zeiten. Wenn Johnson es an die nächste Documenta 2027 schafft, wird er fünfzig sein. Seine Chancen stehen gut: Die künstlerische Leiterin der Schau ist Naomi Beckwith – sie ist auch Kuratorin der jetzigen Johnson-Ausstellung im Guggenheim.
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