Der neue Roman «Im ersten Licht» von Norbert Gstrein ist ein Wunderwerk der literarischen Konstruktion. Er stellt sich den Schrecken des vergangenen Jahrhunderts und darin den radikalsten Fragen menschlicher Existenz. Die Hauptperson, ein gutmeinender Antiheld, wäre damit hoffnungslos überfordert. Doch die Geschichte nimmt eine Wendung und verändert die Perspektiven. Gstrein bildet den existenziellen Kraftakt in genialer Weise ab in der Formung seines Stoffs.
Adrian Reiter, 1901 als Sohn eines österreichischen Postbeamten geboren, gestorben 1988, also im Jahr vor der Zeitenwende des Mauerfalls, erlebt das «kurze» katastrophische 20. Jahrhundert in Gänze. Und zwar als vermeintlich Unbeteiligter, denn sein weitblickender sozialdemokratischer Vater fügt ihm rechtzeitig mit einem wohlgezielten Axthieb eine nie ganz verheilende Beinwunde zu, die ihn für militärische Verwendung zeitlebens untauglich macht. Dennoch oder gerade deswegen entwickelt Adrian eine Obsession mit der Kawallerie, jener vornehmen und im modernen Krieg unsinnigen Truppe.
In der Nähe des Hotels Schwanen, wo Adrian als Kellner und Mädchen für alles angestellt ist, liegt eine von Hecken abgeschirmte Villa. Dort wohnen junge Männer, die entstellt aus dem Krieg zurück sind und von denen mal einer die Hotelterrasse besucht. Seine Gesichtsverletzungen treiben die Kellnerin in die Flucht. Adrian muss einspringen und bekommt später den Auftrag, nach den Kriegsversehrten in der Villa zu schauen. Sie hausen dort wie Gespenster, und allmählich zeigt sich, sie stammen aus vermögenden Familien, die ihre entstellten Söhne, die sie offiziell für tot erklären liessen, luxuriös wegsperren. Besser ein toter Kriegsheld in der Familie als ein zum Fürchten verunstaltetes menschliches Wrack.
Mit Frau Eller aus Wien, deren Familie die Villa gehört, kommt Adrian in Kontakt. Die Kriegsversehrten aus der Villa sind allmählich alle aus dem Leben geschieden. Adrian wird Fahrer und Faktotum der Ellers, und zu Frau Eller entwickelt sich eine Art Vertrautheit. Sie stammt aus England und weckt in Adrian mit ihren Schilderungen eine uneingestandene Sehnsucht nach den Downs, wo sie herkommt. Frau Eller ermöglicht ihm das Studium, Englisch und Geschichte, und sie vermittelt ihm in der Krise der Dreissigerjahre eine Stelle als Lehrer.
Der zweite Teil des Romans beginnt mit dem Satz: «Die Geschichte mit Baumgartner war so sehr Teil seiner eigenen Geschichte, dass Adrian sie später in seinem Leben immer wieder aufzuschreiben versucht hatte, jedoch immer vergeblich, weil er jedesmal erschrocken war, welche neuen Abgründe sich vor ihm auftaten.» Gstrein erzählt sie nun, die Geschichte, an der Adrian lebenslang scheitert.
Seine Fächer bieten für den jungen Gymnasiallehrer im aufkommenden Nationalsozialismus einiges an Konfliktpotenzial. Adrian versucht sich mit seinem spleenigen Interesse an den Reiterschlachten des Ersten Weltkriegs herauszuhalten. Sein Schüler Martin Baumgartner durchschaut, provoziert und demütigt ihn mit dem sicheren Machtinstinkt des mental Stärkeren. Er lässt den Herrn Professor auch dann nicht vom Haken, als er von der Schule und in der Wehrmacht ist. Immer wieder taucht er in Adrians Wohnung auf, schmeisst sich an ihn ran mit einer klebrigen und falschen Ehrerbietung, die er mit Gemeinheiten vergiftet. Adrian ist dieser Manipulation hilflos ausgeliefert, gibt sich durch sein Duckmäusertum gar fortwährend weitere Blössen, die seine perverse Abhängigkeit von Baumgartner zementieren. Den ganzen Krieg hindurch und selbst danach geht das so weiter. Erst der Unfalltod des Jüngeren, der wahrscheinlich ein Suizid ist, beendet die Mesalliance.
Bis dahin ist das Buch im Grunde schrecklich zu lesen. Das ändert sich mit dem dritten Teil des Romans. Zwar bleibt auch hier die kaum mögliche Bewältigung der Kriegstraumata das beherrschende Motiv. Doch als Erstes tut Adrian etwas in seinem Trott gänzlich Unerwartetes, das sein Leben völlig verändert: Er erinnert sich seiner Sehnsucht nach den Downs und macht sich auf den Weg nach England. Gstrein gibt diesem Romanteil des Motto «Until the Day dawns and the Shadows flee away» aus dem biblischen Buch der Liebespoesie, dem Hohen Lied, und signalisiert damit den Eintritt in einen ganz anderen literarischen Kosmos.
Der Held macht sich also auf in die Gegend von Brighton; Frau Eller kommt von dort. Er weiss nicht, was er sucht, geht in einen verlassenen Bunker an der Steilküste, ein Relikt der grossen Kriege. Dann ist da ein grosser Mann, der «etwas ebenso Einschüchterndes wie Herzliches» ausstrahlt. Er hat einen bedrohlichen Hund bei sich und stellt Adrian zur Rede, was er hier suche: «Sie suchen wirklich nichts Bestimmtes? Es ist auch ein beliebter Ort für Leute, die den Abgang machen wollen, wenn Sie verstehen, was ich meine.» Der Mann ist eine Charon-Figur, sein Hund ein Zerberus, der das Tor zur Totenwelt bewacht. Abgang oder Übergang, Durchgang zu einer anderen Art zu leben? Adrian wird erst später erkennen, was er gesucht hat.
Bei seinem zweiten Englandbesuch begegnet er nach ein paar Tagen des Herumwanderns in den Downs Vivian Stephen, einer Frau seines Alters. Gstrein lässt sie als Wiedergängerin von Virginia Woolf (die eine gebürtige Stephen war) erscheinen: nicht in Wanderkleidung, sondern mit langem Kleid und Strohhut sowie einer Schultertasche mit Schuhen für die Stadt und etwas zum Lesen. Sie ist Köchin in der mit ihrer Schwester Veronica gemeinsam geführten Gastwirtschaft. Auch die Unzertrennlichkeit des Schwesternpaars sowie dessen Trauer um einen früh verstorbenen Bruder weisen auf Virginia Woolf. Ein Übriges tut Gstrein mit dem Woolf-Zitat «Ausserdem bin ich sehr glücklich, wenn ich über die Downs gehe». Es steht als Motto am Eingang des Romans und weist voraus auf die Figuren der Frau Eller und der Vivian Stephen.
Von Vanessa erfährt Adrian, dass Vivian in die Fänge eines Scharlatans geraten ist. Dieser angebliche Historiker pirscht sich an Familien heran, die im Ersten Weltkrieg Söhne oder Brüder durch militärische Hinrichtungen verloren hatten. Ihnen verspricht er sensationelle Aufklärungen, die er sich vorab bezahlen lässt. Vivians und Veronicas älterer Bruder Teddy ist so ein Fall. Er war nach Jahren des Ausharrens in den Schützengräben von Ypern angeblich desertiert und 1917 hingerichtet worden. Die sonst so souveräne Vivian hat den Verlust des Bruders und die Ungewissheit über die Umstände seines Todes auch nach einem halben Jahrhundert nicht überwunden und schafft es nicht, sich aus dem Lügengespinst des geschäftstüchtigen Scharlatans zu lösen.
Indem Adrian durch Vivian in die Geschichte Teddys hineingerät, der sich nicht mehr beteiligen wollte an der Völkerschlächterei, zerfällt sein eigenes Lebenskonstrukt des Nichtbeteiligten. In den Gesprächen mit Vivian und Veronica gelangt Adrian endlich an den Punkt, seine Geschichte mit Baumgartner, die er nie hat niederschreiben können, ins Auge zu fassen, ohne sich auf den Selbstbetrug zu versteifen, ein Zaungast der Geschichte zu sein. Lange vorher hatte Frau Eller ihn zurechtgewiesen, wenn er mit Bezug auf Baumgartner sagte, es habe «Erschiessungen gegeben» im Krieg. Sie insistierte auf einer Redeweise ohne Beschönigungen: Baumgartner und seine Leute haben in der Ukraine massenweise Juden ermordet, und Adrian hat das gewusst.
Erst als er sich als verschonten Beteiligten erkennt, wird er für Vivian zum Gegenüber, das ihr den Anstoss geben kann, endlich das Grab ihres Bruders in Belgien aufzusuchen. Zum fünfzigsten Todestag von Teddy Stephen lässt sie in dessen Grabstein nächtens heimlich das Motto «Until the Day dawns and the Shadows flee away» aus dem Hohen Lied einmeisseln. Adrian begleitet sie bei dieser Aktion, und Vivian nennt die Stunden, in denen sie an der Friedhofsmauer auf die Fertigstellung der Arbeit des angeheuerten Steinmetzen warten, später ihre Hochzeit. Das Glück, das Adrian findet, bleibt seinen unregelmässigen Reisen nach England vorbehalten und verliert sich, als er altershalber auf sein Salzburg beschränkt bleibt. – Eine der schönsten und zartesten Liebesgeschichten beschliesst diesen Roman, der im Dunkel des 20. Jahrhundert bis dahin keinen Lichtblick offengelassen hat.
Doch Gstrein hat eine weitere Überraschung bereit. In einer Coda von zwanzig Seiten bringt er als Autor sich selber ins Spiel. Der nunmehr 87jährige Adrian besucht eine Lesung in der Buchhandlung, über der sich seine kleine Wohnung befindet. Ein Autor stellt dort seinen Erstling «Die anderen» vor. Das Buch habe ursprünglich «Einer» heissen sollen, doch der Verlag habe dies für zu ambitiös gehalten und den Titel geändert. – Erkundigt man sich über Gstreins Werk, so erfährt man, dass sein erstes, 1988 erschienenes Buch den Titel «Einer» trägt.
In der Lesung kommt es zu einem Zwischenfall, als in der anschliessenden Diskussion eine Dame auf den Autor eindringt mit der Aufforderung, er als Schriftsteller solle zur Affäre Waldheim Stellung nehmen. Der einstige UN-Generalsekretär und österreichische Bundespräsident Kurt Waldheim hatte seine Verstrickungen als Wehrmacht-Offizier in die NS-Verbrechen verheimlicht, was beim Auffliegen des Skandals in den Jahren 1987 und 1988 als «typisch österreichisch» galt in Sachen Umgang mit dem Dritten Reich. Der Autor antwortet auf die ultimative Frage der Dame, ob er sich nun zu Waldheim äussere, mit einem knappen Nein.
Als die Besucher der Lesung sich schon verzogen haben, geht Adrian zum Autor, um sein Buch signieren zu lassen und macht die Bemerkung, er hätte etwas aus dem Jahr 1941 zu erzählen, was den Autor interessieren könnte. Sein Vorschlag eines Treffens am nächsten Tag stösst auf freundliche Gleichgültigkeit. Das Gespräch kommt selbstverständlich nicht zustande. Mit dieser Wendung bringt Gstrein das Kunststück fertig, seine Begegnung mit der Hauptperson des Romans narrativ stattfinden zu lassen und sie gleichzeitig in den Raum des Irrealen zu verschieben. Die ganze Episode dieser Lesung ist keine blosse Spielerei, vielmehr bildet sich darin Gstreins literarischer Umgang mit seinem Stoff präzise ab.
Gstrein lässt seine Hauptperson die ihr vom Verfasser zugedachten Geschehnisse als ihre eigene Geschichte verstehen, die aufgeschrieben und zwischen Buchdeckeln aufbewahrt gehört. Doch den Kontakt, der genau dies narrativ in Gang setzen könnte, lässt er – wiederum narrativ – ausfallen. Damit verzichtet der Roman darauf, seine erzählerische Realität mit der wirklichen Realität zu beglaubigen; er ist «nur» Literatur, und seine Glaubhaftigkeit ist einzig die einer glaubhaften Fiktion.
Das Nein des Autors zur moralisch erpresserischen Frage der Dame in der Lesung ist so etwas wie das Glaubensbekenntnis des Romanciers Norbert Gstrein. Seine Sache ist es nicht, sich mit Statements im Markt der Meinungen starkmachen zu wollen. Sein Metier ist das Erzählen, das Erfinden einer glaubhaften Wirklichkeit. Die narrative Realität, die Gstrein hier geschaffen hat, evoziert das Erleben des Grauens, welches das vorige Jahrhundert brandmarkt: die Schrecken des ersten modernen Kriegs 1914–1918, die nicht überwunden, sondern 1939–1945 nochmals überboten werden sowie die weitverbreitete Bereitschaft der Menschen zur Anpassung an Regime der Inhumanität. Diesem Schrecken stellt Gstreins Erzählung die Fähigkeit von Menschen entgegen, ihr Leben zu ändern, und sei es nach fünfzigjährigem Leiden. Dann können sie beim Wandern über die Dawns für Momente sehr glücklich sein.
Norbert Gstrein: Im ersten Licht. Roman, Hanser 2026, 415 S.
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