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Erbauung meets Unterhaltung

Ein Verwandtentreffen 

 

Erbauung? Vor fünfzig Jahren schon urteilte die massgebliche theologische Enzyklopädie über diesen Begriff wie folgt: «Erbauung ist eine heillos verschlissene, dem Sprach- und Vorstellungsbereich der Christenheit fremde, ja ärgerliche oder lächerliche Vokabel geworden. Ihr ist schwerlich aufzuhelfen.» Dem wird man auch heute zustimmen. Es soll hier denn auch keinen Wörtern auf die gichtigen Beine geholfen, sondern vergessenen Bezügen nachgespürt werden. Erbauung ist die unbekannte Urgrosstante der Unterhaltung, und es verspricht einigen Reiz, sie in einem Familientreffen mit ihrer Nachfahrin, der ungekrönten Königin von Kulturindustrie und Medienwelt, zusammenzuführen. Damit es zu diesem Meeting kommt, sind die Verwandtschaftsverhältnisse zu klären, und es braucht von beiden Seiten den Wunsch, Fremdheit zu überwinden.

 

Der Lebensfrühling der vergessenen Verwandten liegt weit zurück. So richtig erblüht ist sie im Pietismus des 17. und 18. Jahrhunderts. Erweckung und Erbauung waren Schlüsselwörter einer Bewegung mit revolutionären Zügen und weitreichenden, bis heute anhaltenden Wirkungen. In der Erweckung eines Menschen zum entschiedenen Glauben passierte die Initialzündung eines frommen Lebens. Danach stand der Glaube in der Bewährungsprobe des Alltags. Pietisten wussten schon immer, dass die Wucht des in vielen Fällen dramatischen Bekehrungserlebnisses nicht auf Dauer durchzuhalten ist.

 

Nur wenn auf die einmalige, unwiederholbare Erfahrung eine stetige Entwicklung folgt, verwirklicht sich das pietistische Ideal eines durch den Glauben verwandelten Lebens. Die einmal Erweckten brauchen kontinuierliche Stützung durch Gleichgesinnte, Leitung durch Erfahrenere, Selbstprüfung im Massnehmen an Zielvorstellungen, Ansporn durch beflügelnde Vorbilder – kurz: sie brauchen Erbauung, um auch ohne Ekstase ihrem Lebensideal treu bleiben zu können. Stetiges innerliches Wachstum, permanente Korrektur, unablässige Ausrichtung allen Strebens auf eine in dieser Welt nicht erreichbare Vollkommenheit: Dieses pietistische Muster mutet modern an. Strategiegrundsätze und Managementlehren für das Bestehen in der Konkurrenz sagen ganz ähnliches: Gut sein ist nie genug, auch besser sein reicht nicht, und wenn man am besten ist, muss man sich besonders anstrengen, um nicht zurückzufallen. Zwar gibt es da auf den ersten Blick Unterschiede: Pietistisch Fromme fühlen sich gezogen von Christus, Menschen in modernen Verhältnissen sind getrieben von der Konkurrenz. Doch so ganz frei von antreibendem Wettbewerb sind fromme Vereinigungen durchaus nicht, weder intern noch im Verhältnis zu anderen Gemeinschaften. Und auf der Gegenseite kennt die moderne Konkurrenzwirtschaft ihre Gurus, sodass auch hier nicht nur vorangetrieben, sondern ebenso sehr emporgezogen wird mit Best practice, Training und Coaching.

 

Der Pietismus ähnelt nicht nur der modernen Welt, sondern er ist einer der historischen Ursprünge der Moderne. Er hat die ständisch organisierte, streng geschlossene Welt der frühen Neuzeit aufgebrochen durch Ermächtigung des Individuums. War in vormoderner Zeit der Glaube eine kaum zustimmungsbedürftige Einordnung ins Kollektiv, so machte der pietistische Aufbruch ihn zur ureigenen Sache der Person. Die umwälzende Wirkung dieser neuen Sichtweise ist kaum zu überschätzen.

 

Wenn Menschen in ihrem Innersten Entscheidungen über das eigene Leben treffen, so können die äusseren Verhältnisse – von Geschlechterrollen über private Beziehungen bis zu Berufsvorstellungen, wirtschaftlichen Verhältnissen und gesellschaftlichen Zuständen – davon nicht unberührt bleiben. Die herausragende Bedeutung pietistischer Frauen ist eines der auffallenden Anzeichen des verändernden Potenzials dieser Bewegung. Frauen machten von den neuen geistlichen Freiheiten prominenten gesellschaftlichen Gebrauch. Dies steht nicht im Widerspruch zum Umstand, dass pietistische Frömmigkeit in erster Linie dazu führte, sich selbst zu verändern. Gerade die Fokussierung auf die eigene Person wurde zu einer die Moderne mitbegründenden Kraft. Es ist eine moderne Denkvoraussetzung, das Individuum verantwortlich zu sehen, erstens für sich selbst und zweitens für die Gestaltung der Gesellschaft und den Zustand der Welt.

 

Die Pietistinnen und Pietisten machten sich keine Illusionen darüber, wie schwer diese Bürde wiegt. Nur schon der Verantwortung für sich selbst quasi im Angesicht Gottes gerecht zu werden, ist eine ungeheure Aufgabe – von der Verpflichtung gegenüber der Welt nicht zu reden. An die Wirkungen der Erbauung, also an geistliche Bildung und Kraftzufuhr, waren daher höchste Anforderungen gestellt. Und da ist es nun verblüffend, wie man diese zu erfüllen trachtete, nämlich mit leichter und gefälliger Kost. Erbauliche Schriften haben häufig die Form meditierender Nacherzählungen biblischer Stoffe. Lebensbilder, Lebenshilfen für besondere Situationen und «Spiegel» zur Selbstprüfung gehören zum Repertoire wie selbstverständlich auch Predigten, Gebete und Lieder. Oft waren erbauliche Bücher bebildert, ja die Bilder konnten durchaus die Hauptsache sein, die im Text lediglich erläutert wurde. Erbauung war unterhaltend, und das nicht zufällig oder nebenbei oder mit etwas schlechtem Gewissen, sondern sie funktionierte als Unterhaltung.

 

Die frappante Kongruenz von Erbauung und Unterhaltung ist kein Zufall. Der Zusammenhang gründet in einer Dramastruktur, die einerseits jeder Bekehrung und Erbauung innewohnt und andererseits auch Motor jeder Unterhaltung ist. «Du musst dein Leben ändern.» Mit diesem Fanal schliesst ein Sonett Rilkes, das den biblisch-christlichen Imperativ als allgemeine menschliche Wahrheit ausspricht. Eine christliche Lebensweise mit ihrem dauernden Ansporn zur Veränderung unterscheidet sich nicht grundsätzlich vom Drama der allgemeinen Condition humaine. Es ist eben menschlich, dass Defizite und Konflikte das Leben bestimmen und das Werden Vorrang hat vor dem Sein. Deshalb bedeutet Leben Entwicklung, Auseinandersetzung oder – gespiegelt und verdichtet in der Kultur – Dramatik. Erbauliches genauso wie Unterhaltendes überträgt die Dramen menschlichen Seins und Sollens in Formate, die nicht überwältigen. Es giesst sie in Gestalten und Geschichten, die in der Alltagserfahrung des Publikums unterzubringen sind. Geht es der Erbauung um machbare Schritte innerlicher Formung und praktischen Tuns, so stellt Unterhaltung alle Arten von Spiegeln bereit, in denen menschliches Verhalten und Wünschen zu besichtigen ist. Die Zwecke der beiden Verwandten sind also zweifellos verschieden, aber um diese zu erreichen, greifen sie auf dasselbe Instrumentarium zurück.

 

Es kann sein, dass die Urgrosstante im Vergleich zu ihrer Nachfahrin als die profiliertere Person, der deutlichere Charakter erscheint. Sie kaschiert nichts von ihren Absichten. Als Beobachter hätte man alles Verständnis, wenn die alte Dame sich über das Treiben ihrer jungen Verwandten eher indigniert zeigte. Doch Frau Erbauung ist neugierig genug, sich vom ersten Anschein mangelnder Seriosität nicht abschrecken zu lassen. Zudem kennt sie das Wort Unterhaltung noch in seinen ursprünglichen Bedeutungen zuerst als «Unterhalt» des Lebens und der lebensdienlichen Dinge, dann als «Unterhaltung» zwischen vernünftigen Menschen, die im Gespräch gleichermassen Einsicht und Vergnügen finden. Der abschätzige Begriff von Unterhaltung, der diese als blossen Zeitvertreib ohne Sinn und Wert hinstellt, ist der alten Dame unbekannt. Und so nähert sie sich dem aufgedrehten Chick ohne Berührungsangst und mit einer gewissen grossmütterlichen Zuneigung.

 

Nach einigem Kennenlernen tritt denn auch hinter dem oberflächlichen Gehabe der Urgrossnichte eine faszinierende Weite und Vielschichtigkeit zutage. Unterhaltung gibt allem Raum, was Menschen erfreut oder berührt. Sie zeigt den Leuten, wie sie sein möchten oder wie sie sind, manchmal direkt, häufig in Andeutungen, oft in drastischen Verzerrungen. Unterhaltendes bildet zwanglose lockere Gemeinschaften oder befriedigt Bedürfnisse nach strikter Zugehörigkeit und Abgrenzung. Ob im Hexenkessel des Rockkonzerts, bei der angriffigen Heiterkeit im Kabarett, beim einsamen Abenteuer am Computerbildschirm oder in der Lovestory auf der Kinoleinwand: Immer geht es hintergründig um elementare Gestalten und Geschichten des Menschlichen, um Lebensmodelle und soziale Verhaltensmuster, um Reflexe des fundamentalen Dramas, das von Sein und Schein handelt, vom Ich und den anderen, von Leben und Tod. Unterhaltung ist aus keinem anderen Stoff gemacht als die Kultur insgesamt, zu der sie ja unstreitig gehört. Die immer wieder engagiert geführte Debatte, ob eine Unterscheidung von Kultur in eine U- und eine E-Sparte vertretbar und sinnvoll sei, brauchen wir hier nicht aufzugreifen. Unser Verwandtentreffen lenkt den Blick ganz von selbst auf nicht offensichtliche Gemeinsamkeiten und verborgene Zusammenhänge. Wenn Kultur die verdichtete Darstellung menschlicher Erfahrungen und die Grundlagen von Kommunikation zum Inhalt hat, so stellt das Unterhaltende die gängigen Formen für kulturelle Inhalte bereit. Unterhaltung bildet typisierte Rollen, vertraute Erzählstrukturen, Konventionen der Präsentation heraus. Sie modifiziert diese bei Bedarf und verändert dann und wann ihr Formenrepertoire. Doch ihre Popularität beruht in hohem Mass auf der Stabilität solcher Settings: Der neue Film ist gerade deshalb erfolgreich, weil seine Zugehörigkeit zum Genre der Agentenstory ihn leicht lesbar macht, und der neue Popstar erobert die Charts, weil der Rollentypus Popstar einen Rahmen setzt, an dem er rütteln kann, ohne ihn wirklich aufzubrechen.

 

Vertraute Formen verleihen der Unterhaltung soviel Stabilität, dass sie trotz industriellem Überbietungszwang nie aus dem Bereich des populär Verständlichen ausschert. Obwohl sie mit dem unerhört Neuen, das sie laufend verspricht, die fortwährende Schleifung des Herkömmlichen suggeriert, bleibt sie den traditionellen Formen treu. Diese beruhen auf den Fundamenten der schon von Aristoteles im 4. Jahrhundert vor Christus beschriebenen Ästhetik und Rhetorik. Indem ein Werk erfreut, berührt, Genuss bereitet, Mögliches vorstellt oder im Betrachter einen inneren Prozess bewirkt, wird es als angenehm oder schön oder bereichernd empfunden. Mag es auch Menschen geben, die sich zur Beteiligung an – um hier die prekäre Unterscheidung doch zu bemühen – E-Kultur verpflichtet fühlen, so wird kaum jemand aus Pflichtgefühl Unterhaltung konsumieren. Diese funktioniert allein durch Attraktion.

 

An diesem Punkt wird die Begegnung der Urgrosstante mit ihrer Urgrossnichte interessant. Erbauung setzte beim Bemühen, die Bekehrten in ihrem Glauben alltagstauglich zu machen, schon vor Jahrhunderten auf das Anziehende und Unter- haltende. Sie tat es im Wissen darum, dass solch leichte Kost aus dem Urgrund des Menschlichen kommt und gern genossen wird. Unterhaltendes benötigt keine Überredung, keinen moralischen Zwang oder sozialen Druck. Es wird nicht nur freiwillig, sondern begierig aufgenommen. Keine Vorstellung von Kommunikation könnte dem christlichen Verständnis von Verkündigung besser entsprechen. Die alte Dame ist denn auch beeindruckt von dem hier waltenden Gesetz uneingeschränkter Freiheit, die sie sich trotz aller revolutionär-freiheitlichen Impulse ihrer Epoche nicht hätte ausmalen können. Dennoch kann sie ihr Befremden nicht leugnen gegenüber vielem, was die junge Unterhaltung tut. Sie ist aber klug genug, ihr Befremden über manche schrille Auswüchse der Unterhaltungsindustrie hintan zu stellen in der Ahnung, dass solche Ungebundenheit nicht zuletzt eine späte Folge des einstigen pietistischen Aufbruchs zum Individualismus ist.

 

Auch die Urgrossnichte kommt ins Sinnieren. Sie liebt die grenzenlosen Variationen und den hektischen Puls ihres Geschäfts, weiss aber auch, dass ohne Verankerung im uralten Fundament der Populärkultur der schnelle Takt der Moden nicht durchzuhalten wäre. In den Schilderungen ihrer Vorfahrin tauchte solche Rastlosigkeit nicht auf. Deren Rückgriff auf die bewährten Regeln des Erzählens und Gestaltens hatte nicht den Zweck, trotz immer schnellerer Fahrt auf dem Gleis zu bleiben, sondern diente dazu, die Fremdheit des im Glauben radikal veränderten Lebens nicht abschreckend, sondern anziehend erscheinen zu lassen. Nun, da im Gespräch die Reserve gegenüber der – wie schon das theologische Lexikon meinte – inzwischen verschlissenen Sprache der alten Dame überwunden ist, werden der jungen Frau die emanzipatorischen Impulse des Erbaulichen klar: Menschen wurden bestärkt in ihrer Individualität. Und da auch sie klug ist, weicht sie der naheliegenden Frage nicht aus, ob denn Unterhaltung als solche – und nicht nur einzelne unterhaltende Werke – ebenfalls eine Facette beitrage zur Befreiungsgeschichte der Menschen. Sie kommt zum Schluss, es müsse wohl etwas dran sein an dem positiven Verdacht. Immerhin hat bisher jedes diktatorische Regime sämtliche Äusserungen von Unterhaltung strengen Kontrollen unterworfen, wenn nicht gar, wie bei den Taliban, weitgehend abgewürgt. Offensichtlich enthält Unterhaltung ein Potenzial der Freiheit, das sich vielleicht erst in unfreien Verhältnissen so richtig zeigt.

 

Das Familientreffen geht zu Ende. Die beiden Frauen haben die Zeit vergessen und sind mitten in einer angeregten Unterhaltung. Sie werden in Kontakt bleiben.

 

Erstveröffentlichung: Mai 2009 als Grundsatzartikel im Jahresbericht 2008 der Reformierten Medien

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