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Die Eleganz geht flöten

Man sieht sie immer öfter: die E-Zigarette. Sie sei gesundheitlich weniger riskant als die glühende Tabakzigarette – vermutlich, vielleicht, man weiss es noch nicht so genau. Sicher aber bietet das Nuckeln an den seltsamen Geräten einen wenig vorteilhaften Anblick. Das, was vermieden werden soll, sieht einfach besser aus.

Auf der Website einer Krankenversicherung ist zur medizinischen Einschätzung der Rauch-Alternative folgendes zu erfahren: «Im Vergleich zu Tabakzigaretten sind E-Zigaretten sehr wahrscheinlich deutlich weniger gesundheitlich schädlich, urteilt auch das Deutsche Krebsforschungszentrum. Studien ergaben, dass bei Dampfern Atemwegserkrankungen wie COPD, chronische Bronchitis, Emphysem und Asthma seltener auftreten als bei Rauchern. Aber, und das wird niemand überraschen, häufiger als bei Nicht-Dampfern. Langzeitstudien über die Folgen des Konsums stehen noch aus.»

Ob mit den Geräten Liquids mit oder ohne Nikotin verdampft oder Tabakportionen erhitzt werden, es sind alles Ersatzbefriedigungen fürs echte, zweifelsfrei schädliche Rauchen. Man nutzt sie, um das Gesundheitsrisiko zu mindern oder als vorgeblichen Zwischenschritt zur Nikotinabstinenz. Das mögen für die Konsumenten valable Gründe sein. 

Als einstiger Gelegenheitsraucher weiss ich, dass die Zigarette weit mehr ist als die Versorgung des Gehirns mit einer stimulierenden Droge. Rauchen ist ein Ritual, oft individuell eingebettet in bestimmte Situationen. Schon das Anbieten der Zigarette, die der geübte Ruck aus dem Handgelenk zwei Fingerbreit aus der Packung hervorschiebt, ist ein bedeutungsträchtiger Akt. Noch übertroffen wird er im Feuergeben, das sich in seiner vollendeten Form des guten alten Streichholzes bedient. Ersatzweise geht auch ein richtig teuer klickendes Feuerzeug. Wegwerf-Flämmchengeber aus Kunststoff, womöglich noch mit Werbeaufdrucken, taugen hingegen nicht zum zelebrierten Rauchen; sie gehören zum Equipment der Süchtigen. 

Hier sind wir beim Höhepunkt des Zigarettenrituals: Die mit galanter Geste angebotene Flamme nähert sich dem Ende der Zigarette so, dass das Feuer diese nicht berührt, die Hitze aber zum Anbrennen des Tabaks ausreicht. Das gekonnte gemeinsame Entzünden gleicht einem eingespielten Tanz. Es ist ein Vorgang, der selbst in der anonymen Begegnung eine intime und oft erotische Dimension erlangt. 

Kommt die Flamme vom Streichholz, so bleibt nur eine kurze Frist, bevor sie erlischt oder die Finger des Feuerspenders zu versengen droht. Momente, die rasch vorübergehen, sind die intensivsten, kostbarsten. Die Raucherin (klar, ich denke, es sei eine Frau) saugt gerade so viel Luft durch die Zigarette, dass die Glut Nahrung bekommt und der brennende Tabak leise knistert. 

Für sich allein zu rauchen, ist ein ganz anderes Ritual als die Zigarette im Vis-à-vis, und dieses unterscheidet sich wiederum vom Bild, das eine rauchende Gruppe bietet. Jede Rauchsituation ist voller codierter Zeichen und Symbolik. Am dichtesten sind die gestischen, mimischen und rauchigen Signale in der Zweierkonstellation. Ungezählte Filmszenen loten sie aus und lehren das Kinopublikum subliminal, den Zeichenstrom zu lesen und sich die Grammatik dieser wortlosen Sprache anzueignen. 

Kann man sich auf der Leinwand einen Flirt vorstellen, bei dem die Protagonisten mit E-Zigaretten hantieren? Eben! Dem Dampfen geht jede Eleganz ab. Es ist einfach nur Substitution; mit der substituierten Sache hat es bloss das Reinziehen und Ausstossen warmer aromatisierter Luft gemein, also nichts von Belang.

Entsprechend sehen sie aus, die Dampferinnen und Dampfer. Die benötigte Hardware verbergen sie schamhaft in der Hand, so dass man nicht sicher ist, an was für einem Teil sie da saugen. Vielleicht ist dies der Grund dafür, dass sie viel süchtiger aussehen als sämtliche Tabak-Junkies. Mit dem Vormarsch der E‑Zigaretten geht ein Verlust an Kultivierung und Ästhetik einher, der es fraglich macht, ob die angeblichen gesundheitlichen Vorteile es wert sind, auf das Nuckeln an Kugelschreibern umzustellen.

Bild: Filmstill aus «Matchpoint» von Woody Allen

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