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Der Riss in der Welt

Dorothee Elmiger hat ein beeindruckendes Buch vorgelegt: eine Geschichte in Gestalt eines experimentellen Textes. Seine besondere Form ist nicht nur etwas Äusserliches, sondern zugleich Kern der Erzählung. Deren philosophisch-literarische Referenzen verankern den Roman in weitgespannten Zusammenhängen.

 

Mit ihrem vierten Roman hat die bereits mit ihren vorangegangenen Arbeiten erfolgreiche vierzigjährige Schriftstellerin ein starkes Zeichen gesetzt. «Die Holländerinnen» zählt zu den wichtigen Titeln der gegenwärtigen deutschsprachigen Literatur. Er hat dieses Jahr sowohl den Deutschen wie auch den Schweizer Literaturpreis gewonnen und sieht – anders als «Blutbuch» von Kim de l’Horizon, mit dem er/sie vor drei Jahren den gleichen Palmarès einheimste – ganz und gar nicht nach literarischer Eintagsfliege aus. 

Dorothee Elmigers neuer Roman mutet dem Lesepublikum einiges zu. Es handelt sich um eine konsequent indirekte Schilderung, der Text steht in endlosem Konjunktiv. Die anonyme erzählende Instanz lässt die Hauptperson, eine renommierte Schriftstellerin, durchwegs nur in distanzierender indirekter Rede in Erscheinung treten. Einzige Insel des Indikativs und damit Schauplatz der primären Handlungsebene ist das akademische Auditorium, in dem die Schriftstellerin in einer mehrteiligen Poetikvorlesung ihr eigenes Schreiben reflektiert – nochmals ein distanzierendes Element. Die Erzählstimme beobachtet die Hauptperson, die sich nicht nur mit der momentanen akademischen Aufgabe, sondern mit ihrer literarischen Arbeit überhaupt schwertut. Der Grossteil des Textes besteht aus dieser anonymen Beobachtung, die den Bericht der Schriftstellerin über ein aktuelles Schreibprojekt im Konjunktiv referiert. Dieses fortwährend indirekte Sprechen führt die Erzählung zwar hinaus aus der primären Beobachtungssituation des Auditoriums, bleibt aber – der Konjunktiv lässt keine narrative Unmittelbarkeit zu – doch stets hintergründig an diese gebunden.

Literarische Quantenmechanik

Mit diesem Setting ist eine permanente Überlagerung in den Roman eingeschrieben: Schilderung und Reflexion geschehen gleichzeitig und sind ununterscheidbar. Ort der Handlung ist stets zugleich auch das akademische Auditorium. Es geht beinahe wie in der Quantenmechanik zu, in der ein und derselbe Vorgang gleichzeitig an verschiedenen Orten stattfinden kann. Doch damit nicht genug. Indem die Schriftstellerin in ihrem Bericht in längeren Passagen wiedergibt, was andere ihr erzählt haben, konstituiert der Text mit dem «Konjunktiv im Konjunktiv» eine Indirektheit zweiten Grades. Und auch diese doppelt distanzierte Erzählebene ist in ihrer Sprachform zurückgebunden an die Primärsituation der anonym beobachteten Poetikvorlesung.

Die Wirkung dieser Art des Erzählens ist eine untergründige Beunruhigung. Man wird als Leser permanent auf Distanz gehalten und kann sich nie ganz auf die narrativen Situationen einstellen, weil diese stets uneindeutig bleiben. Und so ist man denn geradezu überrumpelt, wenn zum Schluss, in einer kurzen Coda der Erzählung, auf Indikativ umgeschaltet und die Distanzierung unvermittelt aufgehoben wird.

Form und Stil von Elmigers Erzählsprache sind so auffällig wie das Erzählte auffällig unterbestimmt bleibt. Und da dies augenscheinlich nicht einem Unvermögen oder einem «Fehler» zuzuschreiben ist, muss es wohl bedeuten, dass hier die Narration massgeblich durch Form und Stil geschieht. Distanz und referierende Reflexion sollen als Elemente des dargestellten Geschehens, nicht lediglich als Art des Umgangs mit ihm, gelesen werden.

Theaterprojekt im Busch

Doch nun endlich zum Geschehen in «Die Holländerinnen»: Die Schriftstellerin hat von einem ihr bekannten Theatermacher (die Figur erinnert an Milo Rau) die Einladung erhalten, ein bereits laufendes Projekt in einem ungenannten mittelamerikanischen Land zu begleiten und zu dokumentieren. Zwei junge Holländerinnen sind dort im Dschungel verschwunden und vermutlich umgekommen. Der Regisseur versucht mit einer kompletten Theatertruppe vor Ort den Fall zu klären.

Die Reise verläuft erst im Flugzeug, dann im Taxi, am Ende in einem offenen Boot, das sie an Mangroven vorbei übers Meer zu einer abgelegenen Bucht bringt, wo sie im hüfttiefen Wasser ans Ufer watet und mit Glück das Theatercamp im Busch erreicht. So vollzieht sich der Übergang in eine verrückte Welt, in der ein durchgeknallter Theatermann und die ihm seltsam hörige Truppe einer vagen, mit viel Theorie aufgeblasenen Idee nachjagen. Die Schriftstellerin ergibt sich diesem autoritären Regime nur halb. Das späte Dazukommen und die Rolle als Beobachterin schaffen eine gewisse Distanz. Regelmässig versammelt der Chef seine Leute zu Besprechungen, in denen der Stoff des Theaterprojekts, der allen höchst unklar ist, entwickelt werden soll. Man spekuliert über das Ergehen der Holländerinnen, und man liest den philosophischen Klassiker «Dialektik der Aufklärung» von Horkheimer und Adorno. Unter Anleitung des Gurus werden Passagen daraus besprochen. 

Schliesslich befiehlt der Theatermacher den Aufbruch. Die gesamte Crew macht sich auf den Weg in den Dschungel, um den vermuteten Spuren der Holländerinnen zu folgen. Dauerregen und fehlende Orientierung beschwören die Gefahr herauf, wie die Holländerinnen zu enden, doch der Guru treibt seine Truppe immer weiter. Er wird nicht müde, die offenkundige Ziellosigkeit des Unterfangens als dessen eigentlichen Sinn zu verteidigen. Am Ende verliert die erschöpfte Schriftstellerin den Anschluss an die Gruppe und irrt allein durch den nächtlichen Dschungel. Irgendwie stossen alle wieder auf das Camp, von dem sie aufgebrochen sind.

So irreal die Story, so beklemmend realistisch erscheint das indirekt referierte Erleben der Schriftstellerin. Der permanente Konjunktiv unterstreicht diese Gespaltenheit, erst recht in längeren Einschüben mit Geschichten anderer Mitglieder der Truppe. Unausgesprochener gemeinsamer Nenner der unterschiedlichen Erzählschichten ist ein zielloses Umherirren. Doch wahrscheinlich haben die verschiedenen Geschichten nichts miteinander zu tun – ausser, dass sie in dieser Schicksalsgemeinschaft im Dschungel erzählt werden.

Grenzen der Rationalität

Die gemeinschaftliche Lektüre von «Dialektik der Aufklärung», diesem ohne philosophisches Training schwerlich lesbaren Wälzer, ist in dem Dschungelcamp gleichermassen unwahrscheinlich wie für das ganze irrwitzige Theaterprojekt bezeichnend. Horkheimer und Adorno haben die Zwiespältigkeit der abendländischen Kultur grell beleuchtet, indem sie gezeigt haben, dass Aufklärung, gerade indem sie Unmündigkeit zu überwinden trachtet, immer auch neues Nichtwahrhabenwollen bewirkt. Auf einer einfachen Ebene wiederholen die Theaterleute diesen Mechanismus mit ihrem Bemühen, die Holländerinnen zu finden, indem sie dabei blind sind für Unsinnigkeit ihres Theaterprojekts und die Unterwerfung unter das Diktat eines dubiosen Anführers. Im grösseren Massstab findet sich die von Horkheimer/Adorno herausgearbeitete Dialektik wieder bei der Problematik, dass trotz allem postkolonialen Problembewusstsein das ganze Projekt einen untergründig kolonialistischen Geist an den Tag legt.

Näher als mit dem epochalen philosophischen Werk ist «Die Holländerinnen» jedoch verwandt mit einem Klassiker der englischen Literatur: Joseph Conrads «Herz der Finsternis». Auch wenn Stories und Figuren beider nicht kongruent sind, lassen sich Gemeinsamkeiten kaum übersehen: das Vordringen ins dunkle Unbekannte, das Überschreiten von Grenzen der Rationalität, die Auflösung jeglicher Verlässlichkeit. Doch im Unterschied zu Conrad gibt es bei Elmiger keinen festen Punkt, der eine moralische Wertung des Gangs ins Dunkle und der Dunkelheit selbst (bei Conrad: der Kolonialismus) thematisiert. Bezeichnenderweise gibt es bei Dorothee Elmiger keine Rückkehr von der Expedition über die Grenzen der aufgeklärten oder zumindest aufklärbaren Welt. Die Hauptfigur fällt bei ihrem Versuch, das Theatercamp zu verlassen, unversehens in ein Nichts. Es steht vor ihr, so die letzten Worte des Romans, als «ein Riss, ein Spalt, ein flimmerndes, instabiles Portal». 

So endet der Roman, vage auch hier. Beschreibt der abrupte Schluss des Buches einen Zusammenbruch, eine Apokalypse, ein plötzliches Sterben? Nun wäre allerdings das Erleben eines Abgangs dieser Art im Setting des generellen Konjunktivs, dem Elmiger sich ja verschrieben hat, gar nicht darstellbar. Denn die indirekte Schreibweise setzte ja ein von der Erzählinstanz beobachtetes Geschehen oder einen Bericht der Betroffenen voraus. Beides ist bei einem plötzlichen Ende nicht möglich. Die Autorin vollzieht deshalb in der Coda des Romans den Wechsel zum Indikativ. Zum Schluss wird die anonym beobachtende Instanz zur auktorialen Erzählstimme. Nur so kann die Hauptfigur an ein Ende kommen. Und nur was ein Ende findet, kann eine erzählte Geschichte sein. Dorothee Elmiger hat sich mit der Coda entschieden, eine Geschichte zu erzählen und nicht ein Fragment aus einem potenziell unendlichen Text vorzulegen.

Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen. Roman, Hanser 2025, 159 S.

 

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