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Neben der Rolle

Anhänger Obamas sahen der gestrigen zweiten TV-Debatte mit Bangen entgegen. Der Präsident hatte in der ersten Runde gegen Romney den Kürzeren gezogen, seine Umfragewerte zeigten nach unten, und der Vorsprung war verspielt. Mit einer zweiten Niederlage in der Serie der drei Showdowns wäre die Wahl vermutlich verloren gewesen. Das ist nun nicht passiert. Obama hat sich gefangen.

 

Umso mehr muss man sich fragen, wie es zu diesem Blackout des amtierenden Präsidenten in der ersten Runde kommen konnte. Obama verfügt angeblich über ein Wahlkampfbudget von einer Milliarde Dollar. Ein hochkarätiger Stab hat seine Kampagne designt und steuert sie durch alle öffentlichen Fehden und Stimmungsschwankungen dem Ziel entgegen. Jedes Thema wird von Spezialisten auf Chancen, Risiken und Kampagneneignung abgeklopft. Persönlichkeit, Strategie und Taktik des Gegners sind durch und durch analysiert. Dem Wahlvolk werden mit allen erdenklichen Instrumenten laufend Temperatur und Puls genommen. Der Kandidat ist trainiert und gecoacht wie ein Profiboxer. Er hat es sich zur zweiten Natur gemacht, jedes Wort, jedes Mienenspiel, jede Geste auf Wirkung zu kalkulieren. Sparringspartner haben ihn auf sämtliche denkbaren Finten und Fallen im Disput mit dem Gegner vorbereitet.

 

Vielleicht wird man es nie erfahren, weshalb Obama in der ersten TV-Debatte einen so abwesenden und desinteressierten Eindruck machte. Beobachter meinten, er sei als typischer Intellektueller nicht der geborene Wahlkämpfer, da er immer wieder zu sich selbst eine kritische Distanz einnehme. Es wurde gar vermutet, im Grunde sei ihm der Wahlkampf zuwider. Ich bin solchen Deutungen gegenüber skeptisch. Die zahlreichen mitreissenden Reden Obamas haben bewiesen, dass er sich ins Zeug legen kann für seine Politik. Auch das gestrige Duell mit Romney zeigte einen angriffigen und cleveren Wahlkämpfer.

 

In der ersten Runde vor zwei Wochen ist Obama anscheinend genau das passiert, was die ausgeklügelte Wahlkampfmaschinerie mit allen Mitteln zu verhindern sucht: Er geriet neben seine Rolle. Wer weiss, was ihm durch den Kopf ging! War er angewidert von der Hass- und Lügenpropaganda, die den Wahlkampf zur Schlammschlacht ausarten lässt? Hatte er die Nase voll von all dem Theater? Dachte er an seine Töchter, für die er zuwenig Zeit hat? Oder war er ganz einfach nicht in Form?

 

Obamas Blackout hat für einen kurzen Moment eine Lücke aufgerissen, die im politischen Normalbetrieb ausgefüllt ist durch eine mit wahrhaft ungeheuerlichen Anforderungen verbundene Rolle. Ein Präsident der USA muss die Welt im Griff haben, die Grösse Amerikas verkörpern und dessen Glauben an die Zukunft verbürgen. Auch wenn die Wähler mehrheitlich nicht so naiv sind, solche Forderungen wörtlich zu nehmen, so erwarten sie doch deren symbolische Erfüllung. Und diese wiederum macht sich fest an eingängigen Parolen, charismatischen Persönlichkeiten, begeisternden Inszenierungen, vertrauten Ritualen und dem human touch durch das richtige Lächeln, das glaubhafte Mitgefühl, den erlösenden Witz und die souveräne Geste.

 

Obama für einen Moment neben der Rolle zu sehen, hat ein Licht auf das Wesen von Politik geworfen. Sie ist auf weite Strecken das Geschäft symbolischer Kommunikation.

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