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Die Angst der Kirchen vor den Fundis

Mit „Fundamentalismus“ ist seit einiger Zeit meist der islamische gemeint. Das ist angesichts globaler religionspolitischer Verwerfungen verständlich, kann aber zur Folge haben, dass jüdische, hinduistische, buddhistische und insbesondere christliche Fundamentalisten etwas aus dem Fokus der Beobachtung geraten. Dabei hätten wir allen Grund, uns gerade auch mit den letzteren kritisch zu befassen.

 

Ich begebe mich hier weder auf die Schlachtfelder des Kreationismus oder der Homophobie noch in die Grauzonen von Personenkult und Lustfeindlichkeit. Über dieses und anderes wird mit christlichen Fundis zwar im Konkreten zu wenig gestritten, aber ich will den Diskussionspunkt für einmal anders setzen. Genau um den angedeuteten Mangel an Sachdebatten geht es mir. Ich vertrete die These, dass als Folge des unterschlagenen Streits fundamentalistische Gruppierungen und Strömungen das Christentum in Misskredit bringen und den Kirchen, namentlich den protestantischen, Schaden zufügen.

 

Den Grund dafür müssen die betroffenen Kirchen bei sich selbst suchen. Sie machen genau den gleichen Fehler, den man oft den muslimischen Autoritäten vorhält. Sie grenzen sich zuwenig deutlich von sektiererischen Gemeinschaften und von fundamentalistischen Fraktionen in ihren eigenen Reihen ab. Das unterbleibt, einfach gesagt, aus zwei Gründen: erstens aus Angst und zweitens aus Bequemlichkeit.

 

Die Angst der Kirchen vor Auseinandersetzungen mit christlichen Antimodernisten rührt daher, dass die entsprechende Abgrenzung nie richtig aufgearbeitet wurde. Gelebte Frömmigkeit, kirchliche und insbesondere liturgische Sprache artikulieren sich weitgehend in Begriffs- und Vorstellungswelten vergangener Jahrhunderte. Pietistische und evangelikale Strömungen sind in evangelischen und reformierten Kirchen bis heute meist stark präsent. Viele ihrer Exponenten sind in diesem Geist geprägt. Ihre „religiösen Dialekte“ haben eine Nähe zum abgeschotteten Diskurs und Denkraum der Fundamentalisten. Da gibt es auch inhaltliche Überlappungen. Konservative Kirchenleute und Fundamentalisten sind sich in manchen ethischen Positionen nahe, und vielleicht mehr noch finden sie sich in gemeinsamer Irritation angesichts des historisch-kritischen Umgangs akademischer Theologie mit der Bibel. So ist denn in der Kirche die Angst verbreitet, eine deutlichere Abgrenzung von fundamentalistischen Strömungen könnte ihr zur inneren Zerreissprobe geraten.

 

Bequemlichkeit wiederum ist in den Kirchen da im Spiel, wo sie den geistigen Aufwand einer solchen Debatte scheuen. Die Anforderungen einer intellektuell redlichen Abgrenzung von Fundamentalismus sind allerdings hoch. Fundamentalistische Strömungen sind trotz ihrer antimodernistischen Oppositionshaltung durch und durch moderne Phänomene: Sie nehmen die grundlegende moderne Wahlfreiheit in Anspruch, und sie bedienen sich „moderner“ Argumentationen und Kommunikationsmittel, um gegen den Geist der Moderne anzugehen. Von nirgendwo her, auch nicht vom angriffigen Atheismus unserer Tage, werden Kirche und Religion so vital herausgefordert wie vom „modernen“ Fundamentalismus. Sie müssen einsichtig machen, weshalb ein historisches Verstehen der Bibel besser gerecht wird als die von Fundis praktizierte buchstabengläubige (und selektive!) Hochstilisierung zur autoritativen Weisung. Zudem ist es unabdingbar, die Vermischung tradierter Religion mit einem vergangenen metaphysischen Wirklichkeitsverständnis aufzuzeigen und neue Sprach- und Denkmöglichkeiten für christliche Inhalte zu entwickeln.

 

Fundamentalisten nennen sich gern mit offensivem Aplomb einfach „Christen“. Die vereinnahmende Selbstbezeichnung mag für sie stimmig sein, da ihre Gruppierungen meist ausserhalb der traditionellen Konfessionen stehen. Sie ist aber zugleich Ausdruck einer Usurpation. Wie jeder Fundamentalismus ist auch der christliche antimodern in dem Sinn, dass er keine anderen Auffassungen gelten lässt. Grenzt sich die Kirche dagegen nicht ab, so wird sie mit diesem vormodernen Geist identifiziert.

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