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Die Rache der Kunst

 

Das 1893 erbaute Arbeiterhaus stand im Weg, und zwar buchstäblich. Über das Grundstück führte die geplante Verlängerung der Turbinenstrasse im oft als Trendviertel gehandelten Zürich West. Hier waren einige grosse Neubauten geplant und zum Teil bereits errichtet, darunter das benachbarte Hochhaus mit Luxuswohnungen und dem Renaissance Hotel. In dem heruntergekommenen alten Haus wohnten langjährige Mieter sowie das in solchen Objekten stets anzutreffende bunte Völklein in billigen Wohnungen. Was Wunder, dass sie bleiben wollten! Sie wurden dabei von links-alternativen Sympathisanten unterstützt. «Gentrifizierung» war das Schlagwort, das hier allerdings nicht recht passte, weil es ausser in dem Abbruchobjekt in weitem Umkreis seit Jahrzehnten keine Alteingesessenen mehr gab.

Passender war die Bezeichnung «Nagelhaus». Der bildhafte Begriff stammt aus China und vergleicht hartnäckig gegen einen Abbruch verteidigte Häuser mit einem Nagel, der unverrückbar im Hartholz steckt. Das Zürcher Nagelhaus brachte es zu einiger Berühmtheit (siehe den «Nagelhaus»-Artikel in Wikipedia). Witz und Kreativität beflügelten den Widerstand. So imitierten die Bewohner den senkrecht am Hotelturm angebrachten Schriftzug «Renaissance» mit einem an ihrer Bruchbude prangenden «Résistance». Und an der freigelegten, mit einer spektakulären Stützkonstruktion stabilisierten Brandmauer realisierte der Künstler Pierre Haubensak das riesige Wandbild «Netzwerk» – eine von der städtischen Abteilung «Kunst im öffentlichen Raum» geförderte Arbeit.

Der Widerstand half nicht. Zwar wehrten sich die Bewohner des Nagelhauses bis vor Bundesgericht. Doch dieses hiess 2014 den Abriss gut. Zwei Jahre danach war es soweit: Das Haus wurde niedergelegt, die Strasse gebaut. Schon bald war das wenig ansehnliche, zum Fremdkörper gewordene Gebäude vergessen. Die Störung ist verschwunden, der Schandfleck getilgt. 

Ganz verschwunden? Völlig getilgt? Keineswegs, denn inzwischen behauptet sich an dem Ort bereits seit mehreren Jahren ein Ding, das so absurd ist, dass es sich dabei nur um Kunst handeln kann. Es liegt oder steht da als anonymes, sich der Beschreibung entziehendes grosses Objekt von ungefährer Quaderform. Wie eine organische Masse beult und wulstet es in allen Dimensionen. Die abweisende Oberfläche besteht aus grauem Spritzbeton, der allmählich dunkle Flecken bekommt. Platziert ist das Ding neben der Biegung der Turbinenstrasse in demonstrativer Nähe zum Ort, an dem das Nagelhaus stand.

Augenscheinlich unsinnig, absichtlich unproportional und gewollt unschön, wie das Ding ist, kann es sich dabei nur um eine Rache für das verschwundene Nagelhaus handeln. Es schreit förmlich: Ihr wollt hier alles clean und trendy? Dann knallen wir euch ein verquollen hässliches Monument mitten in die Szene. Ihr wollt, dass euer Renditestreben durch nichts mehr gestört ist? Dann sorgen wir dafür, dass die Erinnerung an das störende Nagelhaus durch eine Hintertür namens «Kunst im öffentlichen Raum» zurückkommt.

Kunst als Rache? Es wäre nicht das erste Mal, dass – gerade in der bildenden Kunst – mit einem Werk zurückgeschlagen würde. Aber vielleicht ist dies der erste Fall, in dem Kunst so hässliche Rache nimmt.

(Fotos: Urs Meier)

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