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Wort-Askese: «auf den Weg bringen»

Man kann es nicht mehr hören, das routinierte und selbstgefällige auf den Weg bringen, das vorgibt, es seien beeindruckende Dinge geschehen.

 

Die Floskel hat sich in Deutschland wie ein Virus verbreitet. Sie scheint ansteckender zu sein als die Omikron-Variante. Niemand ist dagegen immun: Vom Demnächst-Kanzler bis zur letzten Hinterbänklerin sagen alle dauernd, sie hätten dieses oder jenes auf den Weg gebracht, gerne auch, es sei beschlossen, die längst fällige Lösung für das Problem XY zügig auf den Weg zu bringen

 

Längst ist die Marotte auch auf die Medienleute übergesprungen. So können sich Interviewerin und Politiker die Bälle zuspielen: Warum haben Sie das nicht schon längst auf den Weg gebracht? Ich kann Ihnen versichern, wir werden das unverzüglich auf den Weg bringen. Wahrscheinlich gibt es beim politischen und journalistischen Personal schon Wetten, wer pro Statement die höhere Auf-den-Weg-bringen-Ratio hinbekommt. Konkurrenzfähig sind sie alle, ob Ampel oder Opposition, ob öffentlich-rechtliches Fernsehen oder Privatsender.

 

Das Auf den Weg bringen beschreibt den Politbetrieb womöglich genauer, als dessen Exponentinnen und Protagonisten lieb ist. Das Bild, welches die Floskel heraufbeschwört ist dasjenige einer langwierigen Prozedur, deren Verlauf nicht im Voraus genau zu überblicken ist. Unterwegs zu sein, ist mit viel Ungewissheit, mitunter auch Gefahren verbunden. Was auf den Weg gebracht ist, kommt nicht immer am Ziel an. Und ob es die Reise unbeschädigt überstehen wird, kann man ebenfalls nicht sicher wissen.

 

Ist ein Vorhaben einmal auf den Weg gebracht, so muss es dann halt selber sehen, wie es sich durchschlagen kann. Helfen kann ihm jetzt niemand mehr. Was auf den Weg gebracht ist, das wurde ausgesetzt und muss sich nun behaupten in der rauen Welt der harten Interessenkämpfe und widrigen Umstände. Der Ausdruck ist nicht weit entfernt von der Wendung auf die Strasse stellen, mit der rücksichtslose Entlassungen angeprangert werden.

 

Die beiden Ausdrucksweisen sind sich nicht nur in ihrer Bildhaftigkeit ähnlich. Da gibt es auch eine Nähe in der Sache. Werden Dinge politisch auf den Weg gebracht, so kann das mitunter auch bedeuten, es habe sich jemand einer Last entledigt. Und das mit einer Motivation, die jener anderen nicht ganz unähnlich ist, wenn finanzmarktgetriebene Unternehmen menschliche Kostenfaktoren eliminieren, indem sie diese auf die Strasse stellen.

 

Das Exerzitium in politischer Wort-Askese würde darin bestehen, dass den dafür Anfälligen immer kurz vor dem Herausrutschen der Floskel auf den Weg bringen blitzartig deren ungute Nähe zu auf die Strasse stellen durch den Kopf geht.

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