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Ostern mit Habermas

 

Vor wenigen Wochen habe ich mit der Lektüre von Jürgen Habermas’ «Auch eine Geschichte der Philosophie» angefangen. Der mittlerweile 90jährige Philosoph hat zehn Jahre an den beiden gewichtigen Bänden gearbeitet. Sie gelten einem Thema, das ihn seit langem beschäftigt: dem Verhältnis zwischen Religion und Philosophie, insbesondere der Frage, in welcher Weise das Religiöse an die Vernunft anschliesst und deren Wahrnehmungs- und Artikulationsmöglichkeiten erweitert.

 

Er macht keine halben Sachen, der Habermas, und so hat er das titanische Projekt geschultert, das Verhältnis von Glauben und Wissen historisch mit interkulturellem Horizont aufzurollen. Erkenntnisziel ist die Erfassung der geistesgeschichtlichen Prozesse, die zu dem heutigen Stand des Denkens bezüglich dieses Verhältnisses hingeführt haben. In Anlehnung an Nietzsches Streitschrift von 1887 «Zur Genealogie der Moral» legt Habermas sein Vorgehen ebenfalls als Erforschung einer Genealogie an. Er sucht demnach nicht bloss nach historischen Abläufen, sondern nach so etwas wie Vererbungen und Verwandtschaftsbeziehungen, welche die Geschichte der Denkformen und Kulturen geformt haben.

 

Ich lese das Opus magnum langsam und gründlich, mit vielen Anstreichungen und ausgiebigen Notizen. Ungeplant lange ich am Vorabend von Ostern beim Kapitel «Das Urchristentum: Der verkündigende und der verkündigte Jesus» an. Es steht an erster Stelle in Teil IV «Die Symbiose von Glauben und Wissen im christlichen Platonismus und die Entstehung der römisch-katholischen Kirche». Vorangegangen ist die faszinierende Besichtigung der kulturgeschichtlichen Revolutionen der sogenannten Achsenzeit Eurasiens (ca. 800 bis 200 v. Chr.). Sie haben in einem mächtigen Rationalisierungsschub kritische Distanz zu den überlieferten Mythen gewonnen, kohärente Weltbilder entwickelt, das Heilige moralisiert und die Moral universalisiert. Habermas deklariert seinen eindrucksvollen und reichhaltigen Kulturvergleich als das Werk eines «Amateurs», da er mangels Spezialwissen und einschlägiger Sprachenkenntnisse besonders beim Hinduismus, Buddhismus, Konfuzianismus, Taoismus zu wenig Einblick habe. 

 

Die Beschäftigung mit den achsenzeitlichen Revolutionen füllt fast die Hälfte des ersten Bandes und gibt den Bezugsrahmen ab für die Rekonstruktion des Verhältnisses von Glauben und Wissen, wie es sich im Okzident entwickelt hat. In der Einleitung zum vierten Teil heisst es: «Für die Genealogie nachmetaphysischen Denkens ist jene Konstellation von ‘Athen’, ‘Jerusalem’ und ‘Rom’ entscheidend, die die westliche Kultur und das abendländische Denken bis auf den heutigen Tag prägt.» Der Satz enthält das Programm für den weiteren Gang der Untersuchung und zeigt die Dimensionen, in denen Habermas denkt.

 

Beim Kapitel zum Urchristentum, das gerade mal 24 der insgesamt mehr als 1'700 Seiten einnimmt, kann ich aufgrund meines Studiums die Qualität und Tiefe der Durcharbeitung abschätzen. Keine Frage, Habermas weiss sehr gut Bescheid über diese intensiv erforschte Periode. Er beschreibt das relativ langsame Herauswachsen der christlichen Lehre und Praxis aus dem Judentum, das sich aus der rückblickenden Deutung des Kreuzestods Jesu ergeben hat. Sorgfältig zeichnet er den Weg nach, der bis zu dem unerhörten Gedanken einer Selbstaufopferung Gottes zurückzulegen war. 

 

Habermas zeichnet die Lehre und das Wirken des Jesus von Nazareth nach und arbeitet dabei die theologisch-ethische Radikalisierung heraus, die zunächst auf eine Reform des Judentums hinausläuft. Die alttestamentliche Gesetzesmoral wird erweitert zu einer Ethik der Versöhnung. Der Autor zieht nochmals seine interkulturelle Analyse bei: «In dieser Radikalität berührt sich die christliche Liebesethik mit der buddhistischen Mitleidsethik.» Und er spinnt den Faden gleich weiter: «Da sie aber vor dem Hintergrund der alttestamentarischen Pflichtethik entwickelt wird, legt sie den Keim zu einer Differenzierung zwischen zwei Blickrichtungen, die Kant später als Dimensionen der Gerechtigkeit und der Glückseligkeit (…) unterscheiden wird.» Aus diesem Komplex werde sich später das positive Recht ausdifferenzieren und «die Dimensionen der Gerechtigkeit und der Glückseligkeit (…) als zwei profane Hinsichten der praktischen Vernunft aus der Hülle des religiösen Ethos lösen».

 

Der im Monotheismus ohnehin angelegte Zug zur Individualisierung des Glaubens verstärke sich mit den Motiven der Taufe und mit der Relevanz des Auferstehungsthemas. Die streng universalistische Deutung des göttlichen Gesetzes jedoch setze sich erst mit der Anerkennung der aufgrund der Missionstätigkeit entstandenen heidenchristlichen Gemeinden durch. Die entscheidende Rolle des Paulus wird in der Folge sorgfältig ausgeleuchtet, ganz auf der Höhe aktueller historischer Theologie. Doch Habermas taucht nicht bloss in die Details historischer Analyse ein, sondern weitet immer wieder den Blick zur Reflektion aus der Distanz und zum Kulturvergleich: «Das Christentum zeichnet sich dadurch aus, dass die Überlieferung von Beginn an durch eine theologische Reflexion auf die mündlich tradierte Lehre des Stifters mitkonstruiert worden ist.» Schleiermacher hat deswegen das Christentum «die denkende Religion» genannt.

 

Paulus hat mit seiner Theologisierung und Systematisierung dem Christentum erst zu seiner welthistorischen Wirkung verholfen. Er bahnt mit der Vorstellung des Opfertodes Jesu als eines Selbstopfers Gottes der später formulierten Lehre von der Dreieinigkeit den Weg und gibt der Dialektik von Karfreitag und Ostern die für das Christentum konstitutive Bedeutung. Faszinierend ist es zu beobachten, wie Habermas dieses gedankliche Konstrukt in genau gleicher Weise nachvollzieht, analysiert und einordnet wie etwa Platos Ideenlehre oder die konfuzianische Pragmatik. Beispielhaft geschieht dies bei der paulinischen Lehre von der Gerechtigkeit einzig aus Glauben: Indem das Opfer Christi am Kreuz die am anspruchsvollen Gesetz zwangsläufig scheiternden Menschen freispricht (also gerecht macht), wird das Gesetz zwar nicht aufgehoben: «Vielmehr bedeutet die Gnadenlehre eine definitive Entkoppelung des Gesetzesgehorsams vom Heilsschicksal und bringt dadurch den deontologischen Sinn der unbedingten Geltung der Gebote Gottes erst in aller Schärfe zu Bewusstsein.» – Auch hier blickt der Philosoph voraus: Die Abkoppelung der Moral aus dem Heilszusammenhang und damit aus der Religion schafft die Grundlage für deren Verselbständigung und Zuordnung zu einer rationalen Behandlung im Rahmen der Philosophie.

 

Das Urchristentums-Kapitel schliesst mit dem Hinweis auf dessen Einbettung in die Kultur des Hellenismus. Hier sei die «produktive Antwort auf die Herausforderung entstanden (…), den innovativen Impuls der mündlich überlieferten Lehren des Jesus von Nazareth im Lichte seines provokativen Kreuzestodes aus dem lokalen Überlieferungskontext einer jüdischen Reformsekte herauszunehmen und in einen weiter ausgreifenden heilsgeschichtlichen Kontext zu stellen». Der dabei vollzogene Prozess der Aneignung sei durch eine doppelte Reflexion bestimmt gewesen: «die christliche Lehre musste sich gleichzeitig (…) zum Judentum auf der einen und zu den hellenistischen Erben Platons auf der anderen Seite, also zu zwei starken Traditionen der Achsenzeit ins Verhältnis setzen».

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